
80 Jahre Österreichischer Gewerkschaftsbund
In der 1. Republik gab es in Österreich nur Richtungsgewerkschaften: die mit der SPÖ verbundenen „Freien Gewerkschaften“, die christlichen Gewerkschaften als Ableger der Christlichsozialen Partei, deutschnationale Angestelltenorganisationen und die unternehmerfreundlichen „Unabhängigen”. Im April 1945 wurde der ÖGB als überparteilicher Gewerkschaftsbund formiert.
von Manfred Mugrauer
Nach der Befreiung Österreichs vom Faschismus, wurde der Österreichische Gewerkschaftsbund in bewusster Abgrenzung zu diesen Richtungsgewerkschaften als überparteilicher Verband geschaffen.
Die kommunistischen Gewerkschafter:innen hatten einen aktiven Anteil an dieser Entwicklung. Schon in den Jahren des Exils war die KPÖ für einheitliche Gewerkschaften eingetreten. Die Politik einer „Roten Gewerkschaftsopposition“, die in den Jahren bis 1933/34 von der KPÖ verfolgt wurde, spielte in den Exilkonzeptionen der Partei keinerlei Rolle mehr. Anknüpfend an die Erfahrungen der geeinten illegalen Gewerkschaftsbewegung in den Jahren der austrofaschistischen Diktatur und des gemeinsamen Kampfes gegen den Hitlerfaschismus wurde vielmehr darauf orientiert, die Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung zu überwinden.
Erste Sondierungen über die Gründung des Gewerkschaftsbundes fanden zunächst im privaten Rahmen statt. Am 13. April 1945, unmittelbar nach der Befreiung Wiens durch die Rote Armee, trafen sich sozialdemokratische, kommunistische und christlichsoziale Gewerkschafter in einer Wohnung und setzten einen vorbereitenden Ausschuss ein. Die nachfolgenden Gespräche im Wiener Direktionsgebäude der Westbahn am 15. und 18. April gelten zwar als Gründungskonferenzen des ÖGB, sie gestalteten sich jedoch schwierig. Zunächst konnte keine Einigung über Aufbau und Funktionsverteilungen im ÖGB erzielt werden. Erst eine auf Initiative der KPÖ einberufene Parteienbesprechung von SPÖ und KPÖ am 28. April 1945 in der Wiener Arbeiterkammer brachte diese.
Nach der Anerkennung des ÖGB durch die sowjetische Besatzungsmacht wurde am 30. April 1945 ein Präsidium aus drei Vorsitzenden gebildet: Johann Böhm (SPÖ) als Präsident, der Kommunist Gottlieb Fiala als 1. Vizepräsident und Lois Weinberger (ÖVP) als 2. Vizepräsident. Fiala war bereits in der Ersten Republik ein führender Funktionär der KPÖ. Insgesamt gehörten sechs Kommunisten dem 27-köpfigen provisorischen Bundesvorstand an.
Nicht vollständig Rechnung getragen wurde der kommunistischen Forderung, den ÖGB nach dem Industriegruppenprinzip aufzubauen. Er wurde zwar im Wesentlichen nach dem Prinzip der Industriegewerkschaften gebildet, daneben fand jedoch auch jenes der Berufsorganisation oder jenes der Organisationszugehörigkeit nach dem Dienstgeber Anwendung. Solche Ausnahmen stellten z.B. die Angestellten und die Gemeindebediensteten dar. Insgesamt wurde die Formierung des ÖGB als überparteilicher Gewerkschaftsbund von der KPÖ als großer Fortschritt betrachtet.